Prolog – Der Fluch des Diamanten


Paris, 1793. Durch das kleine, vergitterte Fenster weit oben in der Mauer konnte man gerade noch ein kleines Stück des Abendhimmels sehen, der sich bereits langsam grau zu färben begann. Ein eisiger Wind pfiff um den Bau und drang gnadenlos durch die glaslose Maueröffnung. Der Mann zog die raue und vor Schmutz starrende Wolldecke dichter um seine mageren Schultern. Es war nicht nur lausig kalt in diesem dunklen Loch, sondern auch feucht und modrig. Die kahle Mauer war von grünlichem Schimmel überzogen, und es roch nach Fäulnis und Verderben.

Anfangs hatte er noch mehrmals versucht, auf die klapprige Pritsche zu klettern, um nahe genug an das Fenster heranzukommen, damit er einen Blick nach draußen werfen könne. Die schweren Eisenketten, die mit breiten, geschmiedeten Bändern eng seinen rechten Knöchel und sein rechtes Handgelenk umschlossen und mit Ringen an der Mauer befestigt waren, ließen dies jedoch nicht zu. Sie waren so kurz, dass er kaum einen normalen Schritt tun konnte, ohne dass ihm das rostige Eisen tief in die Haut drang. Wütend zerrte der Gefangene an der Handfessel und stieß grimmige Flüche aus. Aber außer, dass er seine ohnehin wunde Haut damit weiter aufschürfte, erreichte er absolut nichts. Der Kerkermeister hörte ihn nicht, und wenn doch, würde es ihn nicht kümmern. Die tägliche Ration für die Eingekerkerten, ein kleines Stück trockenes Brot und eine wässrige Suppe, hatte er bereits am Morgen verteilt. Mehr war heute nicht mehr zu erwarten. Bestimmt war der Aufseher bereits nach Hause gegangen, in ein warmes und gemütliches Heim. Was also sollte es bringen, die stummen Wände der Zelle anzuklagen, während sich nicht einmal sein Mitgefangener darum scherte, sondern fest und tief weiterschlief.

Seit mehr als einem Monat hockte er nun schon in diesem düsteren Loch. Er hatte allmählich das Gefühl, dass er nicht mehr existierte. Selbst sein Name schien ihm fremd und wie ausgelöscht. Sträfling 247 – er war nur noch eine Nummer. Man hatte sich sogar die Mühe gemacht, mit einem Brenneisen die drei Ziffern auf sein Handgelenk zu pressen, was darauf schließen ließ, dass er so schnell nicht freigelassen würde. Und doch hatte er Glück gehabt, denn viele andere waren unter dem Fallbeil der Guillotine gelandet. Immerhin war er noch am Leben, auch wenn das Leben als Eingekerkerter die Hölle war. Bei diesem Gedanken, beruhigte er sich ein wenig. Vielleicht hatte das Leben doch noch Besseres mit ihm vor. Er reckte gähnend seine Glieder und warf sich mit einem tiefen Seufzer auf den Strohsack seiner Pritsche. Sein Blick wanderte wieder zum Fenster hoch. Es hatte angefangen zu schneien. Immer dichter trieben die Schneeflocken an den Eisenstäben vorbei, durch die der Wind unaufhörlich pfiff. Es würde eine kalte Nacht werden. Noch lange lag er wach, bevor er endlich in einen unruhigen Schlaf fiel.

„Der Juwel des Königs!“ Ein lauter, heiser klingender Aufschrei schreckte Sträfling 247 auf. Zunächst glaubte er geträumt zu haben, doch rasch gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit und offenbartem ihm schonungslos die ganze Trostlosigkeit der Kerkerzelle. Ob er lange geschlafen hatte? Draußen hatte es aufgehört zu schneien und durch das Fenster fiel helles Mondlicht.

„Der Diamant! Er bringt Unglück!“ Der andere Gefangene saß aufrecht auf seinem Strohlager und blickte mit vor Furcht aufgerissenen Augen in seine Richtung als hätte er einen Geist gesehen, sah aber im fahlen Licht selbst wie ein Gespenst aus. „Sie brauchen meine Hilfe! Ich muss hier raus!“

„Ach ja? Und wie wollt Ihr das anstellen?“ Sträfling 247 ließ verärgert seine Handschellen rasseln. „Oder habt Ihr Eure Fesseln noch nicht bemerkt?“

Aber der Mann schien ihn nicht wahrzunehmen, sondern starrte durch ihn hindurch als würde er auf der anderen Seite der Zelle etwas sehen. Doch außer der schimmligen Mauer war da nichts.

„Der Junge – schwebt – in – Gefahr“, fuhr er fort und holte zwischen jedem Wort keuchend Luft. „Man muss ihn warnen!“ Mit einem Mal begann er am ganzen Körper zu zittern. Im Mondlicht schimmerte seine Stirn schweißnass, trotz der Eiseskälte im Raum.

Für Nummer 247 war es ganz klar, dass sein Mitgefangener im Fieberwahn sprach, obwohl seine Stimme auf eigenartige Weise klar und fest klang.

„Sie sind mit dem Juwel sicher längst an der Küste angekommen. Vom Fluch haben sie nicht die geringste Ahnung. Was soll ich nur tun?“, jammerte er.

Juwel? Fluch? Sprach der Mann etwa von dem berühmten Juwel des Königs? Selbst Sträfling 247 hatte von dem legendären Diamanten gehört. Einst soll der König den in Gold gefassten Stein bei offiziellen Anlässen an einer Kette um den Hals getragen haben. Niemand hatte ihn jedoch seit dem Ausbruch der Revolution gesehen. In den Gassen der Stadt erzählte man, dass es dieser blaue Diamant gewesen sei, der den König und seine Familie ins Unglück gestürzt hatte. Der kostbare Stein, so munkelte man, stammte aus Indien, wo er einst die Stirn einer Tempelstatue schmückte. Eines Tages wurde er gestohlen. Allerdings brachte er dem Dieb und auch den nachfolgenden Besitzern nichts als Pech, denn er war mit einem Fluch belegt. Tatsächlich hatte bisher jeden, der damit zu tun hatte, ein tragisches Schicksal ereilt: Der Händler, der ihn von Indien nach Frankreich brachte, wurde von einer Meute wilder Hunde zerfleischt. Den letzten Eigentümer des Schmuckstücks, König Ludwig, hatte man im vergangenen Januar hingerichtet. Seiner Frau Marie Antoinette war es nicht besser ergangen. Auch ihr Leben hatte vor wenigen Wochen unter dem Fallbeil geendet. Nur den achtjährigen Kronprinz hatte man verschont; allerdings war er seitdem wie vom Erdboden verschluckt, genau wie der kostbare Diamant.

Neugierig geworden musterte Sträfling 247 den Mann auf der anderen Seite der Zelle. Man hatte ihn erst vor ein paar Tagen zu ihm in den Kerker geworfen, und er hatte seitdem kein einziges Wort gesprochen. Seine seidene Hose und das Spitzenhemd zeugten von besserer Herkunft. Vielleicht … Nein! Jetzt begann er schon selbst zu halluzinieren. Der Mann konnte unmöglich wissen, wohin Kronprinz und Diamant verschwunden waren. Trotzdem war Sträfling 247 plötzlich hellwach. Kurz bevor man ihn festgenommen hatte, waren im Gerüchte zu Ohren gekommen, wonach der Barbier des Königs damit beauftragt worden war, die Kronjuwelen außer Landes zu schaffen. Ob man ihm auch den Prinzen anvertraut hatte? Unsinn!

„Der Junge …“, stöhnte der Mann, während ihm das Fieber mehr und mehr zusetzte. Mit einem Mal war Sträfling 247, als ob ihm das Leben eine viel zu lange vorenthaltene Chance geben wolle. Was, wenn dieser Mann tatsächlich wusste, was aus dem königlichen Diamanten geworden war?

Mit gnadenloser Beharrlichkeit begann Nummer 247 den geheimnisvollen und todkranken Zellengenossen auszufragen. Und obwohl sich dessen Zustand im Laufe der Nacht dramatisch verschlechterte, entlockte er dem Sterbenden doch viele interessante Informationen, die sich wie ein Puzzle zu einem fast vollständigen Ganzen fügten. Fast, aber nicht ganz. Ob es sich bei dem Stein tatsächlich um den sagenhaft kostbaren Juwel des Kronschatzes und bei diesem Jungen um den Kronprinzen handelte, erfuhr er nicht.

Kurz vor Morgengrauen hatte der Kranke sogar noch einen klaren Moment, in dem er seinen Mithäftling anflehte, nach dem Jungen zu suchen und ihn vor dem Fluch des Diamanten zu warnen. Danach war der Mann in eine tiefe Ohnmacht gefallen, aus der er nie mehr erwachen würde.

Als die Morgensonne das vergitterte Stück Himmel rot aufleuchten ließ, rieb sich Nummer 247 zufrieden die Hände. Der Gefangene hatte genug erfahren, um sein Glück zu machen, sollte er dieses Loch jemals lebend wieder verlassen. Er würde den Jungen aufstöbern, der ihn – freiwillig oder unfreiwillig - zum Juwel des Königs führen würde. Fluch des Diamanten! Dass er nicht lache! Ein Ammenmärchen! Nur für den Jungen könnte es übel enden, wenn er erst einmal hätte, was er wollte: einen kostbaren Stein, der ihn unermesslich reich machen würde ...

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