Kapitel 3 | Miss Mortimer



Die Frau in Schwarz und Sid waren inzwischen die einzigen Fahrgäste, die in der Kutsche übrig geblieben waren. Alle anderen waren ausgestiegen. Sid fühlte sich in ihrer Gegenwart unbehaglich, obwohl er nicht genau hätte sagen können warum. Vielleicht lag es daran, dass er weder ihre Augen noch ihr Gesicht sehen konnte und nie wusste, wohin sie gerade blickte. Seit sie in die Kutsche gestiegen war, hatte sie nur ein einziges Mal ein paar Worte gesprochen, aber den Schleier nie gelüftet. War sie in Trauer oder war sie immer so gekleidet? Alles an ihr war schwarz: Schuhe, Kleid, Mantel, Handschuhe, Haube und Schleier. Selbst der bestickte Beutel, den sie in der Hand hielt, war schwarz.

Draußen hatte es leicht zu regnen begonnen, und obwohl es erst Nachmittag war, erfüllte bereits Dämmerlicht das Innere der Reisekutsche. Die ersten Tropfen hatte Sid noch als willkommene Erfrischung empfunden, denn die Luft fühlte sich schon bald weniger stickig an. Aber dann prasselte der Regen aufs Kutschendach und peitschte so sehr gegen die Fenster, dass man durch die Scheiben nichts mehr erkennen konnte. Fast war es, als schwämme die Kutsche durchs Meer, und es hätte Sid durchaus nicht erstaunt, wenn in den verwischten Rechtecken der Fenster ein Schwarm Fische vorüber geschwommen wäre. Eines der Schiebefenster war undicht, und durch den schmalen Spalt drang unablässig das Regenwasser. Es war nicht möglich der Nässe auszuweichen, selbst als sich Sid in die andere Ecke des Wagens drückte. Die Straße hatte sich in Schlamm verwandelt, und die Kutsche schwankte so heftig von einem Schlagloch ins andere, dass Sid das Gefühl hatte, sie würde gleich umkippen. Der ängstliche Mitreisende, der ihnen früher am Tag von Straßenräubern erzählt hatte, hatte auch von Rädern berichtet, die abgesprungen waren, von gebrochenen Achsen und Deichseln und von verunglückten Kutschen, die ihre Passagiere unter sich begruben. Sid befürchtete, dass dies jeden Augenblick passieren oder sie im Morast versinken würden. Doch auch wenn sie sich in den Kurven gefährlich zur Seite neigte, rumpelte die Kutsche ohne weitere Komplikationen weiter. Schon beim vorherigen Halt, als die letzten Passagiere ausgestiegen waren, war Sid in die äußerste Ecke des Wagens gerückt, um der Frau in Schwarz nicht mehr gegenüber zu sitzen. Er versuchte sie zu ignorieren, doch sein Blick wanderte immer wieder in ihre Richtung.

„Hat man dir keine Manieren beigebracht? Starrst mich die ganze Zeit an und gibst keine Antwort, wenn man dich etwas fragt!“ Sid war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass sie ihn angesprochen hatte.

„Verzeihung“, stotterte er. „Ich habe Euch nicht gehört.“ Er deutete zum Fenster. „Der Regen und das Quietschen der Räder…“

„Du bist nach Polperryn unterwegs?“

Sid blickte erstaunt auf. Woher wusste sie, dass dieses Dorf an der Küste das Ziel seiner Reise war? Vermutlich hatte sie doch nicht geschlafen, als er sich mit Polly Miller unterhalten hatte.

„Ja, Madam.“

„Miss“, berichtigte sie ihn, „Miss Mortimer.“

„Ja, Miss.“

„An deiner Stelle wollte ich da nicht hin.“

„Wieso?“ Es war seltsam, mit jemanden zu sprechen, von dem man nur andeutungsweise ein Gesicht hinter einem dunklen Stück Stoff wahrnahm.

„In Polperryn treibt sich allerlei lichtscheues Gesindel herum“, erwiderte sie.

Schon wieder eine Gruselgeschichte, dachte Sid. Erst die unsteten Geister der Mörder und Verbrecher im Moor, dann Geschichten von Straßenräubern und jetzt Geschichten über das Dorf in dem er die nächsten Wochen, vielleicht sogar sein restliches Leben verbringen sollte. Wenn er doch nur ihr Gesicht sehen könnte, damit er wusste, ob sie ihn auf den Arm nahm, oder es ernst meinte.

„Was für Gesindel?“, fragte er.

„Das Dorf hat einen schlechten Ruf und Leute, die es besser wissen, meiden den Ort.“

Und woher wisst Ihr das so genau?, wollte er fragen, aber hielt sich zurück

„Glaub mir Junge, dort gehen dunkle Geschäfte vor sich. An deiner Stelle würde ich umkehren und zurück nach Hause fahren.“

Das hätte Sid nur zu gern getan, aber der Junge hatte keine Wahl.

„Ich besuche einen Geschäftsfreund meines Vaters. Dort passiert mir schon nichts“, erklärte er. „Mein Vater ist Tuchhändler, und ich soll dort mehr über das Geschäft des Tuchhandels erfahren.“

„Ach ja? Und wer ist dieser Freund?“

„Isaac Finnemore.“ Wieso beantwortete er eigentlich die Fragen dieser Frau so bereitwillig und offen, obwohl es sie nichts anging? Und wenn der Ort schon so gefährlich war, wieso war sie selbst dorthin unterwegs?

„Isaac Finnemore. Na, das wundert mich nicht!“

„Was? Ihr kennt ihn?“

Miss Mortimer überhörte Sids erstaunte Frage.

Aus heiterem Himmel kam die Kutsche mit einem kräftigen Ruck zum Stehen. Ob sie nun doch im Matsch steckengeblieben waren? Sid wollte gerade das Fenster öffnen und wäre beinah zur Tür hinausgefallen, als der Wagenschlag aufgerissen wurde.

„Endstation!“ Der Kutscher steckte sein von Wind und Regen gerötetes Gesicht in den Wagen. „Alles aussteigen!“

Sid seufzte erleichtert auf. Auch wenn ihm vor den nächsten Wochen graute, so war er doch froh, dass die lange und anstrengende Reise endlich zu einem Ende gekommen waren. Ungeduldig wartete er, bis der Kutscher Miss Mortimer geholfen hatte auszusteigen, dann stieg er selbst aufs Trittbrett und hüpfte auf die Straße.

Der Regen hatte aufgehört, doch die Luft roch noch immer danach. In den tiefen Furchen, die zahllose Kutschen tief in die steinige Oberfläche der Straße eingegraben hatten, stand das Wasser, und man musste sich vorsehen, um nicht beim Aussteigen in einer morastigen Pfütze zu landen. Sid atmete tief durch. Lag nicht schon der salzige Geruch von Meerwasser in der Luft? Trotz der seiner schmerzenden Glieder und bleiernen Müdigkeit war er aufgeregt, denn er hatte das Meer noch nie gesehen. Doch anstatt eines Ausblicks auf eine malerische Bucht, fiel sein Blick auf einen Galgen, der am Straßenrand stand. Eine leere Schlinge baumelte vom Querbalken, als würde sie auf einen Verbrecher warten, der hängen sollte. Dahinter ragten die dunklen Umrisse von Bäumen in den Himmel. Sid schauderte. Auf der anderen Seite der Straße konnte er ein größeres Haus mit Nebengebäuden erkennen, das wie ein Gasthof aussah. Der Eingang war bereits zu beiden Seiten mit Laternen erleuchtet, und die hellen Fenster des Gebäudes glühten wie Augen im fahlen Licht der beginnenden Abenddämmerung.

Wo war das Meer? Sid hatte sich einen Hafen mit Fischerbooten vorgestellt, aber nichts dergleichen war von hier aus zu sehen.

„Ist das Polperryn?“, fragte er den Kutscher, der zusammen mit dem Wachmann begonnen hatte, das Gepäck vom Kutschendach zu laden. In seinem langen Regenmantel, den er immer noch trug, sah er aus wie eine riesige Fledermaus.

„Polperryn?“, lachte er. „Machst du Witze? Nach Polperryn fahren keine Kutschen. Das hier ist die Endstation!“

„Fahren Sie nicht weiter?“

„Nee. Das ist zu gefährlich für ’ne Kutsche. Der Weg ist viel zu steil. Das riskiert kein Kutscher.“

„Aber ich muss nach Polperryn.“

“Hast du keine Beine?“ Er deutete die abschüssige Straße entlang, die von Bäumen gesäumt in die Dunkelheit führte. „In ’ner halben Stunde bist du dort.“

„Und was ist mit meinem Gepäck?“ Er starrte auf seine Truhe, die der Kollege des Kutschers gerade mit einem klatschenden Geräusch auf den matschigen Boden fallen ließ. Sie war aus schwerem Leder und hatte eiserne Beschläge. Selbst ohne Inhalt würde Sidney sie niemals über eine längere Strecke hinweg tragen können. Doch der Kutscher zuckte nur mit den Achseln. Das war nicht mehr seine Angelegenheit.

Das fing ja gut an! Man hatte ihn hier am Ende der Welt abgesetzt. Und jetzt? Sein Blick wanderte wieder zum Galgen. Da erklang in der Ferne Pferdegetrappel, das stetig näher kam. Einen Augenblick später tauchte ein einspänniger Wagen mit Klappverdeck auf, eine flackernde Laterne neben dem Kutschbock, dem Sid hoffnungsfroh entgegensah. Henry Carter hatte gesagt, dass er Isaac Finnemore per Eilboten einen Brief geschickt habe. Der Mann wusste also, dass er heute mit der Postkutsche ankommen würde. Vielleicht hatte er jemanden geschickt, um ihn abzuholen oder war sogar selbst gekommen?

Der Fahrer sprang vom Kutschbock, doch statt sich an den Jungen zu wenden, verbeugte er sich vor Miss Mortimer.

„Guten Abend, Miss. Ich hoffe, Ihr hattet eine gute Reise.“ Der Kutscher reichte der verschleierten Frau den Arm, um ihr in den Wagen zu helfen.

„Was stehst du so untätig herum“, wandte Miss Mortimer sich an Sid, während der Dienstbote ihre Truhen und Reisekörbe von der Postkutsche auf den Einspänner umlud. „Steig schon ein! Timothy wird sich um dein Gepäck kümmern.“

Sid sah Miss Mortimer fragend an. Von was sprach sie? Aus welchem Grund sollte er zu ihr in den Wagen steigen? Bot sie ihm etwa eine Mitfahrgelegenheit an? Noch vor kurzem hatte sie ihn vor dem Küstenort und seinen Einwohnern gewarnt, und jetzt war sie selbst dorthin unterwegs. Außerdem hatte er gerade erfahren, dass der Weg dorthin viel zu gefährlich für eine Kutsche war. Was wenn die Bremsen versagten?

„Hast du nicht gehört, was der Kutscher gesagt hat? Hier ist Endstation! Nach Polperryn kommst du mit deiner Truhe heute Abend nicht mehr. Ich wohne ganz in der Nähe. Du kannst bei mir übernachten, und Timothy bringt dich und dein Gepäck morgen früh hinab ins Dorf.“

Sid schluckte. Ob er der Frau trauen konnte? Er blickte von ihr zu ihrem Dienstboten, hinter dem sich die schwarze Silhouette des Galgens deutlich am Himmel abzeichnete. Dann schaute er auf die Pfützen und den Matsch der Straße. Er war müde, alle Knochen schmerzten von der langen Reise. Zudem war es ihm, trotz des lauen Sommerabends, in der feuchten Jacke plötzlich kalt. Ein letzter Blick auf seine schwere Reisetruhe, und alle Zweifel waren im Nu verflogen.

„Vielen Dank“, sagte er. „Das ist sehr nett von Euch.“ Dann stieg er aufs Trittbrett und setzte sich ohne noch weiter zu zögern neben die verschleierte Dame.

Hatte er sich richtig entschieden? Darüber nachzudenken, war jetzt nicht der richtige Augenblick. Henry Carter hatte ihn vor seiner Abreise eindringlich ermahnt, keinen Fremden zu trauen, doch die Aussicht auf eine Nacht in einem richtigen Bett, das nicht ständig hin und her schaukelte, unter einem Dach, das Schutz vor schlechtem Wetter böte, war einfach zu verlockend. Dass er das Gesicht seiner Gastgeberin bis jetzt noch nicht unverschleiert gesehen hatte, war ihm gerade herzlich egal.

Auch später, als er in Miss Mortimers Speisezimmer auf das Abendessen wartete, unterdrückte er das beklemmende Gefühl, dass es vielleicht doch leichtsinnig gewesen war, der verschleierten Dame zu folgen. Viel lieber dachte er an die leckeren Speisen, die man sicher für ihre Rückkehr vorbereitet hatte und jeden Augenblick servieren würde. Vielleicht würde es ein gebratenes Hühnchen geben oder gekochten Schinken. Allein der Gedanke daran, ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Er wartete geduldig vor seinem leeren Teller, aber nichts geschah. Miss Mortimer, immer noch den Schleier vor ihrem Gesicht, saß ihm an einem langen Tisch, der sich von einem Ende des großen Speisezimmers zum anderen erstreckte, gegenüber. Seit Sid zu ihr in die Kutsche gestiegen war, hatte sie keine Worte mehr an ihn gerichtet. Der Junge blickte sich um. Es war offensichtlich, dass das Landgut einmal wohlhabend gewesen sein musste, aber inzwischen war alles etwas vernachlässigt und schäbig. Die Teller waren angeschlagen, das Silberbesteck matt. Endlich trat eine ältere Dienstmagd mit einer Suppenschüssel ein und begann mit einer Schöpfkelle Suppe in die Teller zu löffeln. Miss Mortimer hob ihren Spitzenschleier und steckte ihn mit einer Haarklammer seitlich am Kopf fest. Sid hatte sich schon gefragt, ob sie ihn auch beim Essen tragen würde und ob sie womöglich irgendeine hässliche Entstellung im Gesicht verbergen wollte. Statt sich der Suppe zuzuwenden, konnte Sid jetzt nicht anders, als die Frau neugierig anzustarren. Aber da war nichts, das sie hätte verbergen müssen, keine Narbe, keine krumme Nase, nichts dergleichen. Sie war nicht einmal alt und verrunzelt, sondern jung und hübsch: volle Lippen, eine schön geformte Nase, eine rosige Haut. Ganz und gar nicht, wie er sie sich vorgestellt hatte. Jetzt griff sie mit ihren behandschuhten Fingern nach dem Löffel und begann die Suppe zu essen.

„Warum siehst du mich so merkwürdig an?”, fragte sie nach einer Weile, als Sid immer noch stumm über den Tisch in ihre Richtung blickte.

Verlegen wandte Sid seinen Blick von ihr ab und begann die wässrige Brühe in seinem Teller, auf der eklige Fettaugen schwammen und die zudem völlig versalzen schmeckte, zu essen. Danach gab es Braten, aber auch der war keineswegs so lecker, wie er sich ihn ausgemalt hatte. Er war kalt, zäh und steckte voller Knorpel, die sich nur schwer kauen ließen. Miss Mortimer wohnte in einem herrschaftlichen Anwesen, schien aber keinen Wert auf gutes Küchenpersonal zu legen.

Während Sid jeden Bissen mühsam kaute und hinunterschluckte, blickte er immer wieder verstohlenen auf seine Gastgeberin, senkte aber jedes Mal den Blick, sobald sie in seine Richtung sah. Er hätte gerne mehr über die seltsame Frau erfahren, aber sie gab, während des ganzen Mahls, kein Wort von sich. Man konnte nur das Klappern des Bestecks hören und den leisen Klang, wenn sie ihr Glas wieder auf dem Tisch abstellte. Wenn es im Speisezimmer doch nur nicht so staubig gewesen wäre. Man konnte die Staubflocken über den brennenden Kerzen in lang gezogenen Schwaden aufsteigen sehen. Sid kitzelte es in der Nase. So sehr er auch versuchte, ein Niesen zu unterdrücken, konnte er es nicht länger unterdrücken.

„Hatschi!“, hallte es im Raum wider, und er kramte hastig in seiner Jackentasche nach einem Taschentuch, um sich die Nase zu putzen.

Miss Mortimer, die gerade dabei war, Messer und Gabel ordentlich auf ihren leeren Teller zu legen, bedachte Sid mit einem so empörten und strafenden Blick, dass es Sid schauderte.

„Verzeihung“, entschuldigte er sich eilig. Klar, Niesen war unhöflich, das hatte ihm Martha Carter beigebracht, aber ganz so schlimm war es nun auch wieder nicht.

Miss Mortimer wandte ihren Blick nicht von ihm ab, während sie gleichzeitig ihre Serviette zusammenfaltete und der Dienstmagd ein Handzeichen gab, den Tisch abzuräumen. Erst nach einer langen Weile, in der sie ihn weiterhin kritisch musterte, begann sie zu sprechen.

„Wer sind deine leiblichen Eltern?“

Diese Frage hatte er nicht erwartet. Sid nagte verlegen an seiner Unterlippe. Ja, wer waren seine Eltern? Das würde er selber gerne wissen. Und statt zu antworten, zuckte er nur mit den Achseln. Gleichzeitig kam er sich vor, als würde seine Gastgeberin ihn unter einer Lupe begutachten. Das Essen hatte ihn müde gemacht. Er wollte nur noch schlafen.

„Ich weiß nicht“, murmelte er leise.

„Wie alt bist du?“, fragte sie jetzt.

„Zwölf.“

Miss Mortimer zuckte kaum merklich zusammen, erhob sich und ging um den Tisch herum auf Sid zu. Ihre weit aufgerissenen Augen blickten nicht mehr eindringlich prüfend in seine Richtung, sondern fast so als hätte sie eben einen Geist gesehen. Sid drehte sich um, doch hinter ihm stand nur die Dienstmagd. Dicht neben ihm löste Miss Mortimer die Haarklammer und ließ ihren Schleier wieder übers Gesicht fallen.

„Bring den Jungen ins Gästezimmer“, wies sie die Dienstmagd an und schritt grußlos aus dem Raum.

Sid war viel zu müde, um weiter über das merkwürdige Verhalten seiner Gastgeberin nachzudenken. Er gähnte verstohlen hinter der vorgehaltenen Hand und folgte der Dienstmagd aus dem Speisesaal die Treppen hoch ins obere Stockwerk.

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