Kapitel 1 | Nächtliche Aufregung



Am Abend seines zwölften Geburtstags wurde alles auf den Kopf gestellt, was Sidney Carters heile und geordnete Welt bis dahin ausgemacht hatte. Den ganzen Nachmittag hatte er mit seinen Freunden Tim und Ben im Park verbracht. Sie hatten seinen neuen Drachen steigen lassen, und danach mit Kuchen und Limonade gefeiert. Zufrieden seufzend musterte er den roten Drachen, der jetzt an der gegenüberliegenden Wand seines Zimmers lehnte, den bunten Schwanz und die lange Schnur ordentlich aufgerollt. Morgen würde er wieder hoch über die Dächer der Stadt in die Luft steigen. Unbekümmert schlüpfte er unter die Decke und gähnte ausgiebig. Es war ein wunderbarer Tag gewesen, und er war müde. Noch ahnte der Junge nicht, dass am nächsten Morgen nichts mehr so sein würde wie bisher.

Gerade als Sid die Kerze ausblasen wollte, hörte er ein leises Kratzen an der Tür, die sich gleich darauf behutsam öffnete. Louisa, seine jüngere Schwester, stand im Türrahmen, ihr Gesicht von der Kerze in ihrer Hand schwach erhellt. Es war nichts Ungewöhnliches, dass sie spätabends in seinem Zimmer auftauchte, denn die Geschwister erzählten sich gerne vor dem Schlafengehen im Dunkeln Gruselgeschichten.

„Was ist? Ich bin müde.“ Sid liebte seine kleine Schwester. Meistens jedenfalls. Gelegentlich nervte sie ihn. Gerade war so ein Moment, an dem er lieber seine Ruhe wollte. Trotzdem spürte Sid, dass etwas nicht stimmte. Statt wie üblich loszuquasseln, rührte sich Louisa nicht von der Stelle, sondern wackelte nur mit den bloßen Zehen, die unter dem Saum ihres bodenlangen Nachthemds hervorlugten.

„Na, sag schon, was los ist.“ Louisa gab immer noch keine Antwort, sondern schloss sorgfältig die Tür und tapste lautlos mit ihren nackten Füßen über die Holzdielen. Erst dicht neben seinem Bett hielt sie an und blickte ihn aus ihren großen blauen Augen ernst an. Die Strähnen ihrer blonden Haare waren wie jede Nacht auf Stoffstreifen gewickelt, damit sie am nächsten Tag lockig auf ihre Schultern fielen.

„Ich habe heute was ganz Abscheuliches erfahren“, flüsterte sie kaum hörbar.

„Kann das nicht bis morgen warten?“ Sid gähnte demonstrativ.

„Morgen … ist es zu spät“, war das einzige, was Louisa stockend hervorbrachte. Ihre sonst rosigen Wangen wirkten im Licht der flackernden Kerze leichenblass.

„Zu spät für was?“ Erst jetzt bemerkte er die runde Schachtel, die sie unter ihren freien Arm geklemmt hatte. Sie sah aus wie eine der Hutschachteln, in der ihre Mutter Hüte aufbewahrte.

„Zu spät, es dir zu sagen. Und wenn sie dich erst mal weggeschafft haben, erfährst du es nie. Von Papa oder Mama schon gar nicht. Die tun fürchterlich geheimnisvoll und haben sich sowieso entschlossen, dir nichts zu sagen.“

Sid setzte sich im Bett auf. Trotz seiner Müdigkeit, hatte Louisa es geschafft, seine Neugier zu wecken. Was meinte sie mit weggeschafft? Und was wollten die Eltern ihm nicht sagen?

„Dann erzähl schon.“

Louisa setzte sich verlegen dreinblickend auf den Bettrand, die Schachtel auf ihrem Schoß, die Kerze immer noch in der Hand. Wieder wackelte sie mit ihren Zehen. Dann räusperte sie sich.

„Papa kam heute schon am Nachmittag aus der Arbeit. Das tut er sonst nie. Er wollte mit Mama allein sprechen und hat mich deshalb in den Garten geschickt. Natürlich bin ich nicht in den Garten gegangen. Irgendwie habe ich mir gleich gedacht, dass es um was Wichtiges geht und bin nur vor die Tür. Selbst wenn die zu ist, bekommt man jedes Wort mit.“

„Und?“ Sids Müdigkeit war wie weggeblasen. Er wollte schon genau wissen, wieso sein Vater lange vor Geschäftsschluss einfach so aus dem Laden nach Hause gekommen war, und was seine lauschende Schwester gehört hatte.

„Papa berichtete Mama, dass er im Laden Besuch hatte, und du deswegen so schnell wie möglich aus der Stadt verschwinden musst“, fuhr Louisa fort. „Warum, verstehe ich auch nicht. Auf jeden Fall meinte Papa, dass du alt genug bist, mehr über das Geschäft zu erfahren. Er will dich deshalb zu irgend so einem Geschäftspartner von ihm an die Küste schicken.“

„Was?“ Sid dachte nicht recht zu hören. „Papa will mich wegschicken, bloß weil irgendjemand zu ihm in den Laden gekommen ist? Aber wieso? Es sind doch Ferien!“

Zusammen mit Tim und Ben hatte er so viel vor: Drachen steigen lassen, im Fluss angeln, ein Baumhaus bauen und und und … Vaters Geschäfte interessierten ihn nicht die Bohne! Henry Carter, ein angesehener Tuchhändler, gehörte ein Laden in der Innenstadt, in dem es feinste französische Seide und kostbare Spitzenstoffe zu kaufen gab. Klar, eines Tages würde Sid das Geschäft übernehmen, aber erst, wenn er erwachsen wäre. Bis dahin war noch massig Zeit, und jetzt wollte er erst die Sommerferien genießen.

„Ich weiß auch nicht, wieso sie dich wegschicken wollen.“ Louisas Stimme bebte leise vor Kummer. „Vielleicht hat es damit zu tun, dass Mama und Papa dich …“ Ihre Worte verebbten in einem undeutlichen Murmeln.

„Dass Mama und Papa was?“

„… dich adoptiert haben“, platzte es aus ihr heraus, während sie auf ihre Zehen starrte, die immer aufgeregter umher zappelten.

Sid wollte das eben Gehörte schon als eine von Louisas ausgedachten Geschichten abtun, aber irgendwie spürte er, dass sie es ernst meinte.

„Woher willst du das wissen?“

„Weil sie darüber gesprochen haben.“

„Unsinn!“

„Doch, es stimmt.“

„Und wieso hast du mir das nicht gleich gesagt?“

„Ich wollte dir deinen Geburtstag nicht verderben.“ Louisa schaffte es nicht mehr länger, die Tränen zurückzuhalten. Sie kullerten ihre Wangen hinab, im Schein der Kerze glitzernd wie winzige Diamanten. „Aber jetzt ist der Tag fast vorbei, und da musste ich es dir doch sagen. Papa meinte, dass es eilt. Am liebsten hätte er dich gleich heute Abend losgeschickt, doch Mama hat ihn gebeten, es auf morgen zu verschieben.“

„Waaas? Wieso?“ Das konnte unmöglich stimmen.

„Das weiß ich auch nicht“, schluchzte Louisa. „Aber Papa hat gesagt, dass die Person, die heute bei ihm im Laden war, dich auf keinen Fall finden darf.“

„Und sie haben wirklich gesagt, dass ich adoptiert wurde?“ Vielleicht hatte sich Louisa ja verhört.

Doch sie nickte so heftig, dass die Stoffstreifen auf ihrem Kopf hin und her hüpften, während sie sich mit dem Handrücken die Tränen aus dem Gesicht wischte.

Sid schluckte. Seine Kehle fühlte sich wie ausgetrocknet an. Mit einem Mal war ihm, als säße jemand auf seiner Brust. Er schnappte nach Luft. Wieso war es hier auf einmal so stickig? Langsam wie ein Schlafwandler stand er auf, ging zum Fenster, riss die hölzernen Läden auf und öffnete sie weit. Erst nachdem er mehrmals tief die kühle Nachtluft eingeatmet hatte, wandte er sich wieder an Louisa.

„Haben sie gesagt, wer ich bin und woher ich komme?“ Jetzt stiegen auch ihm Tränen in die Augen. Sidney Carter, ein Findelkind. Ob man ihn wie Moses in einem Körbchen auf dem Fluss ausgesetzt hatte? Wer war er? Vermutlich hieß er nicht einmal Sidney.

Louisa schüttelte den Kopf. „Nein. Aber vielleicht hilft das hier weiter.“ Sie deutete auf die Hutschachtel, die immer noch auf ihrem Schoß lag.

„Eine Hutschachtel?“ Sid verstand nicht. „Wozu soll die gut sein?“

Louisa stellte den Kerzenhalter auf seinem Nachttisch ab. „Die habe ich aus Mamas Kleiderkammer stibitzt“, erklärte sie mit immer noch zittriger Stimme, aus der ein Hauch Stolz heraus zu hören war. „Auf dem Schrank dort steht eine Schachtel, auf der Louisa steht und eine andere, auf der Mama Sidney geschrieben hat. Mama bewahrt darin Erinnerungen an die Zeit auf, als wir klein waren. Ich dachte, dass darin vielleicht ein Hinweis ist, wer du bist.“

Sidney hockte sich neben seine Schwester und griff nach der Schachtel. „Hast du hinein geschaut?“

Louisa schüttelte den Kopf. „Nur in meine. Da waren winzige Babyhemdchen drin, Spitzenhäubchen und eine silberne Rassel. Deine zu öffnen habe ich mich nicht getraut.“ Sie biss sich auf die Lippen.

Sidney betrachtete die mit grünem Papier bezogene Schachtel von allen Seiten. Sie war rund und auf dem Deckel klebte ein Zettel, auf dem in verschnörkelter Schrift Mary Elliot, Hutmacherin, London stand. Jemand hatte dies mit Tinte durchgestrichen und Sidney darunter geschrieben. Vor lauter Aufregung schaffte er es kaum, den Deckel von der Schachtel zu heben. Endlich! Mit zitternder Hand hielt er den Kerzenhalter darüber. Im ersten Augenblick dachte er, die Schachtel sei leer. Keine Babykleidung, keine Rassel. Nur ein Stück Stoff. Enttäuscht griff er danach und breitete es auf seinen Knien aus. Es handelte sich um ein weißes Taschentuch, das mit weißem, glänzendem Garn bestickt war. Sonst nichts. Keine Rassel, keine winzigen Hemdchen. Er hatte von Findelkindern gehört, die von ihren Müttern ausgesetzt worden waren. Als einziges Erkennungszeichen hatten man ihnen einen Anhänger, einen Knopf oder einen Fetzen Stoff mitgegeben. Ob dieses Taschentuch so ein Zeichen war?

Nachdenklich strich Sid über das Tuch. Es roch nach Lavendel, genau wie die Bettwäsche im Schrank. Rings um das kleine Tuch war ein Muster eingestickt und in einer der Ecken ineinander verschlungene Initialen. Da war deutlich ein C und ein M zu sehen. C für Carter und M für Martha, die Initialen seiner Mutter - oder der Frau, von der er bis heute geglaubt hatte, dass sie seine Mutter war. Enttäuscht legte er das Tuch auf die Seite und tastete das Innere der Hutschachtel ab, doch sie blieb leer.

Louisa neben ihm hatte alles stumm beobachtet. Jetzt begann sie wieder zu weinen.

„Bist du trotzdem noch mein Bruder?“, konnte Sid unter ihren lauten Schluchzern ausmachen.

„Klar.“ Er versuchte tapferer zu klingen als er war, schlang seine Arme um Louisa, die am ganzen Körper bebte, und strich ihr beruhigend übers Haar. Doch in Wahrheit war er sich seiner selbst nicht mehr sicher.

Wer war Sidney Carter? Noch am Nachmittag hatte er sich für den Sohn eines wohlhabenden Londoner Tuchhändlers gehalten, und nun, nur wenige Stunden später, war er plötzlich ein Niemand. Wenn seine Mutter und sein Vater nicht seine leiblichen Eltern waren, woher kam er dann? Wer waren seine richtigen Eltern, und wieso hatte man ihm seine Herkunft verschwiegen? Und wer war dieser Mann, den Louisa erwähnt hatte? Wieso war er plötzlich aufgetaucht, und wieso sollte er wegen ihm Hals über Kopf sein Zuhause und seine Familie verlassen?

„Wir schlafen jetzt besser“, sagte Sid nach einer Weile mit bedrückter Stimme. Plötzlich war er schrecklich müde. Er stopfte das Taschentuch in die Tasche seiner Jacke, die über dem Stuhl hing und reichte seiner Schwester die leere Schachtel.

Louisa stand auf, griff nach ihrer Kerze und ging zur Tür.

„Gute Nacht“, sagte sie leise und schlüpfte in den dunklen Gang hinaus.


*

„Sidney! Wach auf!“

Sid fühlte, wie jemand mit Nachdruck seine Schultern rüttelte. Verschlafen rieb er sich die Augen. Wie spät war es? Was war los? Noch ehe er ganz zu sich gekommen war, überfluteten ihn die Erinnerungen an die letzte Nacht: Louisa und die Geschichte, die sie ihm erzählt hatte. Er war ein Findelkind, und man wollte ihn von zu Hause wegschicken! Trotz aller Aufregung war er wohl eingeschlafen, nachdem Louisa auf ihr Zimmer gegangen war. Er setzte sich im Bett auf. Die Fensterläden standen immer noch weit offen, und man konnte einen blassen Mond erkennen. Der dunkle Nachthimmel hatte bereits angefangen sich grau zu verfärben, und das erste Vogelgezwitscher war zu hören. Papa stand dicht neben seinem Bett, eine Laterne in der Hand. Jemand hatte eine Reisetruhe auf dem Boden abgestellt, und Mama war bereits dabei sie mit seinen Hosen, Westen und Jacken zu füllen, während sie leise schluchzte.

„Was ist los?“

„Du wirst an die Küste reisen“, erklärte Henry Carter kurz. „Beeil dich! Die Kutsche geht schon in einer Stunde ab.“ Er warf Sids Decke zurück. Dann drehte er sich zu seiner Frau um. „Höre auf zu weinen, Martha. Es ist das Beste für den Jungen.“

Eigentlich wäre genau jetzt der Augenblick gewesen, an dem Sid seinen Vater, oder wer immer Henry Carter war, zur Rede hätte stellen können. Wer bin ich? Wieso habt ihr mir verschwiegen, dass ich nicht euer Kind bin? Sid suchte verzweifelt nach Worten, aber sie wollten nicht kommen.

„Ich habe entschieden, dass du alt genug bist, mehr über unsere Handelsgeschäfte zu lernen“, fuhr der Vater fort, bevor Sid einfiel, wie er seine Fragen am besten formulieren konnte. „Deswegen habe ich schon gestern einen Brief an meinen guten alten Freund Isaac Finnemore geschickt. Du wirst den Sommer über bei ihm wohnen. Er kennt sich mit französischer Spitze aus und kann dir einiges darüber beibringen.“

„Aber es sind Ferien“, maulte Sid, anstatt sich nach seiner Herkunft zu erkundigen. Er fand einfach nicht den Mut, die Fragen zu stellen, die ihn so sehr beschäftigten. Und wie Louisa ihm bereits prophezeit hatte, schienen die Carters auch nicht die Absicht zu haben, ihn freiwillig aufzuklären.

„Alles gepackt“, meinte seine Mutter leise und wollte gerade den Deckel der Truhe schließen, als Sid sich ihr zuwandte. „Ja?“ Sie sah den Jungen liebevoll an. Fast hätte er sich getraut, sie zu fragen.

„Darf ich bitte meinen Drachen mitnehmen?“, sagte er stattdessen und deutete an die Wand, an der er immer noch lehnte, als sei, seit er ihn dort gestern Abend abgestellt hatte, nichts geschehen. So sehr er sich auch mühte, was er eigentlich wissen wollte, getraute er sich nicht zu fragen.

Frau Carter blickte Bestätigung suchend zu ihrem Mann, der stumm nickte, und Sid packte den Drachen zuoberst in die Reisetruhe. Bevor er seine Mutter den Deckel schließen ließ, sah er sich nochmals im Zimmer um. Ohne groß darüber nachzudenken, griff er sich einen Kreisel, einen Beutel voller Glasmurmeln und das alte Flaschenschiff, das auf dem Kaminsims stand, und stopfte die Sachen zwischen Hemden und Hosen. Auch wenn er sich mit zwölf schon für zu erwachsen für sein altes Spielzeug fühlte, so war es zumindest etwas, das ihn in der Ferne an sein Zuhause erinnern würde. Dann legte er noch ein neues Buch, das ihm Ben zum Geburtstag geschenkt hatte, oben auf, danach klappte Frau Carter den Deckel der Reisetruhe zu. Als Sid kurz darauf mit seinem Vater aus dem Haus ging, winkte sie ihm mit roten Augen nach. Louisa schlief noch. Sid hatte nicht einmal die Gelegenheit gehabt, sich von ihr zu verabschieden.

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